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    Der Nordbayerische Kurier berichtet in seiner Reihe „Der grüne Faden“ über Nicholas Cudd

    08.06.2021

    Des Lehrers Handball- und Beziehungsreise.

    An Mexikos Grenze geboren, in unter­fränkischer Kleinstadt aufgewachsen, durch Franken getingelt, in Bayreuth gelandet: Das ist die Route durchs Leben von Nicholas Cudd. Sein Gepäck: ein Handball, die Lust am Beruf und Freude am Austausch mit anderen.

    Für Nicholas Cudd ist der Bayreuther Raum vorerst Ende einer interessanten Franken-Tour – sein Talent: der Umgang mit Menschen.

    Ni­cho­las Charles Cudd steht an der Schie­fer­ta­fel; und fragt ei­nen Schü­ler ab. Ja. Im ers­ten Mo­ment klingt das wie ein Druck­feh­ler. Bei ei­ner Ge­schich­te über ei­nen 34-jäh­ri­gen Leh­rer, der fast selbst­ver­ständ­lich di­gi­tal un­ter­wegs ist. Ist aber kei­ner. Je­de Ge­schich­te hat ei­nen An­fang. Der von Leh­rer Cudd war eben früh.

    „Ich ha­be mei­nen jün­ge­ren Bru­der oft vor die Schie­fer­ta­fel ge­setzt und ihm et­was er­klärt“, er­in­nert er sich. Sein Ta­lent zeig­te sich schon da­mals. Cudd liebt es, an­de­ren Men­schen et­was bei­zu­brin­gen und sich mit ih­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen. „Be­zie­hungs­ar­beit ist die wich­tigs­te Ar­beit“, lau­tet ein Spruch, der sich durch sein Le­ben zieht wie sonst nur noch ei­nes: die Lei­den­schaft für den Hand­ball.

    Wie alt Cudd beim Un­ter­rich­ten des Bru­ders war, weiß er nicht ge­nau. Wann er zum Hand­ball kam, schon. „Mit sechs über ei­nen Kum­pel.“ Der Sport blieb bis heu­te ein enorm wich­ti­ger Teil sei­nes Le­bens.

    Ers­te Sta­ti­on war der TV in Et­was­hau­sen, ein Stadt­teil von Kit­zin­gen. In der un­ter­frän­ki­schen Stadt wuchs Cudd auf, mach­te Ab­itur. Sein Ge­burts­ort ist et­was wei­ter von Bay­reuth weg. El Pa­so, Te­xas, USA. Dort war sein Va­ter als Sol­dat ein Jahr lang sta­tio­niert. Da­nach ging es nach Deutsch­land. „Ich bin froh, ne­ben dem deut­schen auch den ame­ri­ka­ni­schen Teil in mir zu ha­ben“, sagt Cudd, der mit ame­ri­ka­nisch ge­präg­ter Li­te­ra­tur auf­ge­wach­sen ist. Auch im Un­ter­richt setzt er ger­ne Co­mics ein. Sein Na­me üb­ri­gens hat iri­sche Wur­zeln. Die Vor­fah­ren sind einst in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten aus­ge­wan­dert.

    „Der Mensch, vor dem ich den grö­ß­ten Re­spekt ha­be, ist mei­ne Mut­ter“, sagt Cudd. „Wie sie das al­les al­lei­ne ge­schafft hat, war schon toll“, sagt er mit Blick auf die Tren­nung der El­tern, als die Jungs noch Klein­kin­der wa­ren.

    Doch zu­rück zum Hand­ball: Bis er 21 war, stand Cudd beim TV Et­was­hau­sen – der heu­te zur HSG Main­fran­ken ge­hört – im Tor. Doch nicht nur das. Wie mit sei­nem Bru­der in ganz jun­gen Jah­ren, zeig­te sich auch sport­lich zü­gig, dass er Wis­sen wei­ter­ge­ben möch­te. Mit 16 über­nahm er im Ver­ein ein Trai­ner­amt, war zu­dem Schieds­rich­ter und als Schrift­füh­rer Mit­glied des Vor­stands. „Die Trai­ner­aus­bil­dung war da­mals sehr de­zen­tral, wir sind mit dem Bus nach Kulm­bach, Co­burg oder Bay­reuth ge­fah­ren“, sagt Cudd. „Da hat sich ei­ni­ges ge­tan.“ Dass sich noch mehr tut, dar­an ar­bei­tet er mitt­ler­wei­le selbst. Doch da­zu spä­ter mehr.

    Mit 21 ver­ließ Cudd Kit­zin­gen – und star­te­te sei­ne Fran­ken-Tour. „Ich möch­te die­ses Her­um­kom­men nicht mis­sen, es hat mich ge­prägt.“ Ers­te Sta­ti­on: Würz­burg. Dort stu­diert er An­glis­tik und Ger­ma­nis­tik auf Lehr­amt, ne­ben­bei Geo­gra­fie und Phi­lo­so­phie. Auch sei­ne Hand­ball-Hei­mat ver­la­gert er dort­hin; zur DJK Wald­büt­tel­brunn (Land­kreis Würz­burg). Er steigt mit dem Ver­ein in die Bay­ern­li­ga auf – und trai­niert die Ju­gend. Dort bleibt er auch, als ihn sei­ne ers­te Re­fe­ren­da­ri­ats-Sta­ti­on ins mit­tel­frän­ki­sche Treucht­lin­gen (Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen) führt. „Ich bin je­den Don­ners­tag zwei Stun­den ein­fach nach Wald­büt­tel­brunn ge­fah­ren, ha­be erst die Ju­gend und dann selbst trai­niert.“

    Dann die nächs­te Leh­rer­sta­ti­on. Re­al­schu­le Bad Staf­fel­stein (Land­kreis Lich­ten­fels). Und der Hand­ball-Wech­sel zur TS Lich­ten­fels. „Dort ha­be ich am meis­ten ge­lernt“, sagt Cudd über den ers­ten Stopp in Ober­fran­ken. Er trai­nier­te zu­nächst die A-Ju­gend des Ver­eins – spä­ter die Her­ren in der Be­zirks­ober­li­ga. Selbst im Tor stand er nur, wenn es un­be­dingt ge­braucht wur­de. „Ich bin mehr wert, wenn ich nur Trai­ner bin und mich dar­auf kon­zen­trie­re.“

    Sein Re­fe­ren­da­ri­at schloss Cudd mit der No­te 1,4 ab. Ei­gent­lich ganz gut, aber ein paar wa­ren bes­ser. Des­halb kam Cudd auf die War­te­lis­te und es be­gann ei­ne Zeit mit Jah­res­ver­trä­gen. Ins­ge­samt vier da­von hat­te er an der Re­al­schu­le Sche­ß­litz (Land­kreis Bam­berg). Wäh­rend der Zeit mach­te er zwei Jah­re lang ei­ne be­rufs­be­glei­ten­de Montesso­ri-Aus­bil­dung in Nürn­berg. Mit den Jah­ren auf der Rei­se lern­te Cudd viel über sich – und über an­de­re. „Mei­ne grö­ß­te Stär­ke ist es, mit Men­schen um­ge­hen zu kön­nen.“ Und meint da­mit nicht nur die po­si­ti­ven Sei­ten. „Man muss be­reit sein, an Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Men­schen zu ar­bei­ten.“ Das Lass-mich-in-Ru­he-Ge­fühl kennt er nicht. Ein Sich-Raus­hal­ten, wenn es kom­pli­ziert und dis­kus­si­ons­freu­dig wird, eben­so we­nig. „Die Schü­ler ha­ben ein fei­nes Ge­spür da­für, wer au­then­tisch ist.“

    Zu­rück zum Hand­ball: Der führ­te als nächs­te Sta­ti­on nach Helm­brechts im Land­kreis Hof, wo er ein Jahr im Tor stand. Dann en­de­te sei­ne Fran­ken-Tour. Stand heu­te.

    Cudd wur­de an der Städ­ti­schen Wirt­schafts­schu­le Bay­reuth Leh­rer für Deutsch und Eng­lisch mit ei­ner fes­ten An­stel­lung, un­ter­rich­tet von der sieb­ten bis zur elf­ten Klas­se und ist Ver­bin­dungs­leh­rer. „Ich fin­de Wer­te wie Zu­ver­läs­sig­keit wich­tig und möch­te das auch wei­ter­ge­ben.“ Als Leh­rer und beim Hand­ball. „Es macht Spaß, ist aber auch an­stren­gend. Du bist stän­dig im Span­nungs­feld, musst stän­dig re­flek­tie­ren.“ Be­zie­hungs­ar­beit eben.

    Cudd be­zog in Bay­reuth ei­ne Woh­nung na­he des Hof­gar­tens, hat­te ei­nen kur­zen Weg in sei­ne Schu­le und sei­ne neue Hand­ball-Hei­mat, die städ­ti­sche Hal­le Ost. 2017 wech­sel­te Cudd zur Has­po Bay­reuth. Haupt­säch­lich als Trai­ner. Drei Jah­re coach­te er die A-Ju­gend, da­nach war er ein Jahr lang Tor­wart- und Co-Trai­ner der Her­ren.

    Seit ei­nem hal­ben Jahr macht Cudd et­was für ihn Un­nor­ma­les. Er ist we­der Hand­ball­spie­ler noch Hand­ball­trai­ner im Ver­ein, ist „nur“ noch Trai­ner am Lan­des­stütz­punkt Nord Er­lan­gen/Co­burg/Rim­par. Seit Fe­bru­ar 2021 wohnt er mit Freun­din Va­nes­sa in Donn­dorf. Die hat er, wie soll­te es an­ders sein, durchs Hand­ball ken­nen­ge­lernt. Wäh­rend sei­ner Zeit in Helm­brechts. Ge­mein­sam tei­len sie die Lie­be zu Is­land. „Wir ha­ben ei­ne be­ein­dru­cken­de Rund­rei­se ge­macht.“ Im hei­mi­schen Bü­ro hän­gen atem­be­rau­ben­de Bil­der. Von dort aus wirkt er auch in ei­ner neu­en Auf­ga­be. Lo­gisch. Er blieb dem Hand­ball doch treu, ist jetzt Ver­bands­funk­tio­när. Seit zwei Jah­ren als ober­frän­ki­scher Be­zirks­vor­sit­zen­der für Bil­dung beim Hand­ball­ver­band und bay­ern­weit als Re­fe­rent für Trai­ner­aus­bil­dung. Wäh­rend Co­ro­na mach­te er ein Fern­stu­di­um zum The­ma Sport­mental­trai­ning.

    Der jun­ge Leh­rer des klei­nen Bru­ders von einst be­fasst sich nun al­so seit Jah­ren und mit der Zeit im­mer pro­fes­sio­nel­ler mit der Fra­ge, wie man Men­schen mo­ti­vie­ren kann. Zu­sätz­lich zu sei­nem na­tür­li­chen Ta­lent, das einst schon den Bru­der da­zu brach­te, ihm zu­zu­hö­ren.

    INFO:
    Nicholas Charles Cudd gibt den Grünen Faden weiter an Fabio Nicola. Er studiert Sportökonomie an der Universität Bayreuth und spielt Handball in der Dritten Liga. „Außerdem ist er ein charakterstarker Mensch mit Ecken und Kanten“, findet Cudd.

    DER GRÜNE FADEN:
    Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Die Region Bayreuth hat rund 180000 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Region.

    Von Andreas Schmitt,
    NK 2021-06-08, S. 12