• Damen
  • Herren
  • Jugend
  • Shop
  • Spielplan (Wochenende)

    „Das Leistungsprinzip durchgezogen“

    08.01.2020

    Haspo-Kapitän Paul Saborowski sieht deutschen EM-Kader trotz der vielen Ausfälle gut aufgestellt

    Von Eberhard Spaeth

    Es mangelt nicht an Skeptikern, die der deutschen Männer-Nationalmannschaft bei der morgen beginnenden Europameisterschaft aufgrund ihrer Verletzungssorgen einen schweren Stand vorhersagen. Doch Paul Saborowski gehört nicht dazu: „Das Ziel ,Halbfinale’ ist machbar“, sagt der Kapitän des Bayernliga-Tabellenführers Haspo Bayreuth. „Danach ist alles offen, auch wenn ich Dänemark schon recht weit vor allen Konkurrenten einstufe.“

    Der 22-jährige Student setzt dabei auf den deutschen Fundus an Alternativen für viele Positionen. Dazu gehöre der rechte Rückraum, wo nach den Weltklassespielern Steffen Weinhold (Kiel) und Fabian Wiede (Berlin) auch noch der als Nachrücker gesetzte Franz Semper (Leipzig) ausgefallen ist. „Mit Kai Häfner haben wir immer noch einen sehr guten Mann, da mache ich mir keine großen Sorgen“, sagt Saborowski, der auch dem Stuttgarter Debütanten David Schmidt eine gute Rolle zutraut: „Der kam so unvorbereitet dazu, dass er mit ganz freiem Kopf ins Turnier gehen kann. Deswegen wird er wenig falsch machen.“

    Mangel an Erfahrung bei den Spielmachern

    Gravierender sei der Mangel an Erfahrung auf der Spielmacherposition, wo er gerne Routinier Martin Strobel (Balingen) gesehen hätte: „Es ist ja ohnehin ein sehr unerfahrenes Team.“ Neben dem durchschlagskräftigen Berliner Paul Drux und dem spielstarken, aber erst 22 Jahre alten Marian Michalczik von GWD Minden kann sich Saborowski auch den nominell im linken Rückraum vorgesehenen Fabian Böhm vom Bundesliga-Zweiten TSV Hannover-Burgdorf in der Mitte vorstellen: „Er hat sich nicht nur in den Vordergrund gespielt, sondern sozusagen auch in den Vordergrund gesprochen mit der Aussage, er könne beide Positionen spielen.“ Allerdings werde sich die Spielweise damit verändern: „Es muss keine schlechte Variante sein mit zwei so wurfstarken Spielern, aber man muss abwarten, wie gut sich die Gegner darauf einstellen können.“ Die spielerische Qualität dürfe nicht vernachlässigt werden, um vor allem die guten Kreisspieler zur Geltung bringen zu können: „Das ist ein Paradestück im Team.“

    Daher wundert es Saborowski auch nicht, dass gleich vier Akteure im deutschen Aufgebot stehen, die ausschließlich für den Einsatz am Kreis in Frage kommen: „Ich denke, dass Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler vorrangig als der bewährte Kieler Innenblock in der Abwehr gesetzt sind. Das deutsche Spiel definiert sich traditionell über die Abwehr, und da sind das die wichtigsten Stützen.“ In der Offensive sei Jannik Kohlbacher von den Rhein-Neckar Löwen „eine sehr starke Alternative“, und der erst 22-jährige Johannes Golla (Flensburg) habe sich auch schon in beiden Mannschaftsteilen bewährt: „Da kann es viele Pausen geben für die Leistungsträger der Abwehr.“

    Durchweg positiv bewertet Saborowski ohnehin jene Personalentscheidungen von Bundestrainer Christian Prokop, die nicht durch Ausfälle erzwungen worden sind: „Da wurde das Leistungsprinzip durchgezogen, das finde ich gut.“ Das gelte auch für die oft als Überraschung bezeichnete Nominierung des 37-jährigen Torwart-Seniors Johannes Bitter (Stuttgart), der seit 2015 kein Länderspiel mehr bestritten hatte. Gar als „megacool“ bewertet der Haspo-Kapitän die Rückkehr des Weltmeisters von 2007: „Trotz des relativ hohen Alters ist Bitter in Stuttgart für viele Punkte verantwortlich. Seine letzte Saison war schon stark, und die aktuelle ist überragend – er hat es absolut verdient.“ Als unumstrittene Nummer eins in seinem Verein sei Bitter gefestigter, als die deutschen Torhüter in den Spitzenclubs der HBL: „Quenstedt ist in Kiel nur Nummer zwei, und in Berlin müssen Heinevetter und Ziemer sogar miteinander um den zweiten Platz kämpfen.“ Zudem könne es sich positiv auf die Atmosphäre im Team auswirken, dass der Routinier die Führungsrolle im Tor wahrscheinlich klaglos dem Europameister von 2016, Andreas Wolff (Kielce/POL) überlasse: „Das ist besser, als wenn beide unbedingt spielen wollen.“

    „Sehr interessant“ findet der Bayreuther Rechtsaußen, der im Schnitt 5,1 Tore pro Haspo-Spiel erzielt und damit Neunter unter den Bayernliga-Torjägern ist, die Besetzung seiner eigenen Stammposition mit dem international noch unerfahrenen Timo Kastening (Hannover): „Der spielt eine sensationelle Saison!“ Die Berufung des 24-jährigen zeige, dass es auch für Spieler mit längst erwiesener Weltklasse keine Garantien gebe: „Beim letzten Mal musste Tobias Reichmann aussetzen und diesmal eben Patrick Groetzki.“ Nicht anders sieht es auf dem linken Flügel aus, wo Debütant Patrick Zieker (Stuttgart) den Platz von Matthias Musche (Magdeburg) eingenommen hat: „Das war überraschend, aber Zieker spielt im Verein stark und macht wenig Fehler. Musche kann dagegen nicht ganz an die tolle Vorsaison anknüpfen.“ Von den Außen um Kapitän Uwe Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen) erwartet Saborowski ohnehin wichtige Beiträge für die im Rückraum dezimierte Mannschaft: „Abgesehen von den Gegenstößen glaube ich, dass auch im Positionsangriff viel über die Außen gehen wird.“

    Fernsehabende mit dem Haspo-Team

    Wie immer bei großen Turnieren wird der persönliche Terminplan von Paul Saborowski in den kommenden Wochen noch mehr als sonst vom Handball bestimmt. Gemeinsame Fernsehabende mit den Teamkollegen haben Tradition: „Wir sind ja eine Mannschaft, die sehr gut befreundet ist und auch außerhalb der Halle viel gemeinsam unternimmt. Wenn die EM-Spiele mit dem Training zusammen fallen, schauen wir auch mal zusammen in der Kabine – oder nachträglich eine Aufzeichnung. Wir werden auf jeden Fall einen Weg finden.“


    Nordbayerischer Kurier vom Mittwoch, 8. Januar 2020, Seite 26