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  • „Wir haben noch richtig Lust auf mehr“

    11.07.2015

    AUF ERFOLGSKURS: Michael und Philipp Müller können auch nach ihrer zweiten gemeinsamen Saison beim

    Handball-Bundesligisten MT Melsungen eine starke Bilanz vorweisen. Beim obligatorischen Heimatbesuch vor dem Beginn der Vorbereitungen für die kommende Spielzeit stellten sich die Zwillinge aus Bayreuth zum Interview.

    Trotz Vertragsverlängerung bis zum Alter von fast 34 Jahren ist die Zeit nach dem Ende der Laufbahn für die Müller-Brüder noch kein Thema
    Sechster Platz in der Bundesliga, Viertelfinale im Europapokal und die ersten gemeinsamen Länderspiele – die zweite Saison von Michael und Philipp Müller im Trikot der MT Melsungen war noch erfolgreicher als die erste. Und mit ein wenig Glück wäre sogar noch mehr möglich gewesen: Ein einziges Tor hat dem hessischen Europapokal-Neuling gefehlt, um das Final-Four-Turnier um den EHF-Cup zu erreichen (20:25 und 28:23 gegen Skjern/DEN), und nur ein Bundesliga-Sieg mehr wäre nötig gewesen, um als Tabellenfünfter erneut den internationalen Wettbewerb zu erreichen (Rang sechs reicht diesmal nicht).

    Von solchen Gedanken lassen sich die Müller-Brüder die Stimmung beim Heimatbesuch vor dem Trainingsauftakt an diesem Wochenende aber ebenso wenig trüben, wie von der Frage zu ihrem Ruf als „Raubeine“ der Liga. Schließlich sind ihre Perspektiven mit einem vorzeitig bis 2018 verlängerten Vertrag bei einer wohl nicht schwächer werdenden Mannschaft positiv. Und auch aus dem Privatleben gibt es eine sehr gute Nachricht.

    Wie fällt Ihre Saisonbilanz aus? Überwiegt die Freude über den Erfolg, oder der Ärger darüber, dass ein noch viel größerer Erfolg so knapp verpasst wurde?

    Michael Müller: Das war insgesamt schon sehr positiv. Man muss das nur mal mit Hannover vergleichen: Dieses Team ist nach dem ersten Jahr im Europapokal gleich mal in der Bundesliga auf Platz 13 gerutscht. Ärgerlich ist es aber natürlich schon, dass wir im Grunde nur zwei entscheidende Spiele vergeigt haben. Sonst wäre es perfekt gelaufen.

    Philipp, für Sie war es die erste Saison überhaupt mit der Zusatzbelastung im Europapokal. Wie hat sich das ausgewirkt?

    Philipp Müller: Ich fand das ganz cool. Schon beim ersten Spiel in Toulouse spürte man eine andere Mentalität, eine andere Atmosphäre in der Halle. Es ärgert mich jetzt schon, dass wir das in der kommenden Saison nicht wieder erleben können. Nach zehn Jahren im Europapokal sieht das sicher anders aus, denn da spürt man die Dauerbelastung immer mehr. Ich denke da an Holger Glandorf: Der sagt „ich kann nicht mehr“ und reißt sich ein halbes Jahr später die Achillessehne – so etwas kommt nicht von ungefähr. Ich habe großen Respekt vor den Spitzenmannschaften, die immer in diesem Rhythmus spielen. Wir haben dagegen schon noch richtig Lust auf mehr.

    Folgt daraus, dass in der neuen Saison der fünfte Platz das Ziel ist, um sicher international dabei zu sein?

    P. Müller: Ich bin kein Freund großer Ziele. Am Ende der vergangenen Saison lagen zwischen den Plätzen fünf und zehn gerade mal acht Punkte. Da musst Du nur mal einen Magen-Darm-Virus im Team haben, und schon ist es vorbei mit den Zielen. Wir waren mit der Vorgabe eines Platzes zwischen fünf und sieben angetreten, und da haben am Ende Nuancen den Unterschied gemacht. Die vor uns platzierten Mannschaften aus Magdeburg und Göppingen haben sich wieder gut verstärkt. Ich sage daher: Wenn wir uns nicht verschlechtern, ist es ein Erfolg, wenn wir uns gar verbessern, ist es super.

    Wie gravierend war bei der knappen Entscheidung der Kreuzbandriss von Spielmacher Patrik Fahlgren im letzten Drittel der Saison?

    M. Müller: Der hat uns schon gefehlt. Gerade als es nicht gut gelaufen ist, wie bei den entscheidenden Niederlagen in Balingen und gegen Göppingen, hätte er mal andere Akzente setzen können. Jetzt werden wir sehen, ob unser Neuzugang Timm Schneider aus Lemgo in dieser Hinsicht zusätzliche Alternativen bieten kann.

    P. Müller: Mit Timm habe ich noch ein halbes Jahr in Wetzlar zusammengespielt. Er kann unser Spiel flexibler manchen, zumal er auch gut in der Abwehr spielen kann. In der Strafzeiten-Statistik liegt er übrigens noch einen Platz vor mir.

    Wie sind Sie mit Ihrer persönlichen Saisonleistung zufrieden?

    M. Müller: Im Großen und Ganzen war das wohl schon eine ordentliche Saison. Die WM-Teilnahme in Katar war ein schönes zusätzliches Erlebnis, auch wenn das Thema Nationalmannschaft damit für mich jetzt wohl so gut wie durch sein dürfte. Ja: Ich bin schon zufrieden.

    Philipp, sie mussten nach der Verpflichtung von Wurfmaschine Momir Rnic auf ihrer Position eine neue Rolle finden. Wie ist das gelaufen?

    P. Müller: Momir Rnic kann nun mal nicht in der Abwehr spielen. Das heißt, ich muss das tun. Und daraus folgt: Wenn ich eine Pause brauche, dann bekomme ich sie nicht hinten, sondern vorn. Ich fühle mich zwar noch fit genug, um auch im Angriff noch etwas zu bewegen, aber wenn meine Rolle nun eben so aussieht – es gibt Schlimmeres. Was die Defensive angeht, habe ich das wohl ganz gut gemacht.

    Nicht so bescheiden! Es hat Sie im „hohen Alter“ von 30 Jahren noch zum Nationalspieler gemacht!

    P. Müller (lacht): Ja, die Sache mit der Nationalmannschaft! Das hat mich sehr überrascht und natürlich sehr gefreut. Aber ich sehe das schon realistisch: Zwei Spieler hatten vor mir auf meiner Position abgesagt. Andererseits hätte der Trainer diesen Platz dann auch einfach frei lassen können. Dass er das nicht getan hat, fand ich schon klasse. Ich bin dankbar für dieses Erlebnis, habe jetzt aber doch einen Haken dahinter gemacht. Immerhin: Ein Länderspiel ist besser als keines – und ich habe zwei!

    Die wichtigste Personalie bei der MT stand schon zum Jahreswechsel fest: Der zu den Rhein-Neckar Löwen wechselnde Torhüter Mikael Appelgren wird durch Johan Sjöstrand vom THW Kiel ersetzt. Das ist ein großer Name, doch der Neuzugang gab gegen Ende der Saison durch eine rätselhafte Erkrankung Anlass zur Sorge. Muss man um die Qualität auf dieser Schlüsselposition fürchten?

    M. Müller: Das Problem war, dass lange Zeit niemand wusste, was Johan eigentlich hat. Antibiotika schlugen nicht an. So lag er zwei Wochen auf der Intensivstation und hat zehn Kilogramm abgenommen. Dann zeigte sich, dass er sich wohl bei der WM in Katar etwas eingehandelt hatte, was hier normalerweise nicht untersucht wird. Inzwischen dürfte er wieder so weit sein, dass er in der Vorbereitung zur Topform finden kann.

    Wird er den herausragenden Appelgren gleichwertig ersetzen können?

    M. Müller: Menschlich ist Apfel nicht zu ersetzen! Und sportlich glaube ich, dass er in den nächsten Jahren der beste schwedische Torhüter sein wird. Aber Johan Sjöstrand ist ein anderer Spielertyp, und er hat vor allem viel Erfahrung auf höchstem Niveau bis hin zum Gewinn der Champions League mit dem FC Barcelona.

    Wie hat sich die Konkurrenz verändert? Ist da mit größeren Verschiebungen in der Tabelle zu rechnen?

    P. Müller: Spannend wird für mich, wie sich Hannover entwickelt. Ich glaube, dass dieses Team nach dem Tiefpunkt auf Platz 13 nun mit neuem Trainer wieder bis etwa zum achten Rang hinauf mitmischen kann. Auch Lemgo traue ich viel mehr zu als in der letzten Saison mit Verletzungspech und internen Querelen. Diese Mannschaft hätte leicht zehn Punkte mehr holen müssen. In der oberen Hälfte hat Berlin ein paar Routiniers verloren, aber sich auch wieder gut verstärkt. Hamburg hat mit Michael Biegler einen guten neuen Trainer – allerdings ziemlich das Gegenteil der bisherigen Trainer, denn die Mannschaft ist immer ziemlich gepudert worden. Da muss man erst mal sehen, wie das funktioniert. Klar ist jedenfalls: Mit den ersten Drei hat niemand etwas zu tun. Man muss hoffen, dass sich Kiel, Löwen und Flensburg gegenseitig die Punkte abnehmen, damit es an der Spitze spannend bleibt.

    Ihrem eigenen Verein trauen Sie offensichtlich eine beständige Entwicklung zu, denn Sie haben Ihre Verträge vorzeitig bis 2018 verlängert. Kurz nach Ende der Laufzeit werden Sie 34 Jahre alt. Haben Sie schon einen Plan für die Zeit danach?

    M. Müller: Ich habe mal mit Heiko Grimm (Nachverpflichtung der MT Melsungen nach der Fahlgren-Verletzung; Anm. d. Red.) über seine Zeit in der Schweiz gesprochen. Er sagt, dass man da gut noch die eine oder andere Saison spielen kann. Vor allem aber gibt es gute Strukturen für einen anschließenden Einstieg in den Beruf. Das ist hier oft schwierig. Aber einen Plan kann man das nicht nennen. Wir sind ja auch mit unserem Fernstudium im Bereich Wirtschaft und Marketing noch nicht ganz fertig. Zudem weiß ich nicht, wie es dann bei meiner Freundin beruflich aussehen wird.

    P. Müller: Für mich ist vor allem diese Sicherheit wichtig. Im Dezember werde ich nämlich zum ersten Mal Vater, und da wäre es kein gutes Gefühl, ein halbes Jahr später vielleicht ohne Vertrag da zu stehen. Dieses Ereignis relativiert übrigens auch die verpasste Europacup-Teilnahme: Wahrscheinlich ist es gar nicht so schlecht, häufiger mal daheim zu sein.

    Michael, bei der WM in Katar konnten Sie einen Eindruck von einem Schlaraffenland für Handball-Senioren gewinnen. Könnte das ein Ziel für den Ausklang Ihrer Laufbahn sein?

    M. Müller (lacht): Tatsächlich habe ich meinen Berater mal gefragt, was man dort wohl verdienen könnte. Ich habe aber nur die Antwort bekommen: Das ist nur etwas für Heimatlose. Das ist nichts für Dich.

    Ganz zum Schluss noch eine vielleicht etwas heikle Frage: Wie gehen Sie beide mit dem Image als „böse Buben“ der Bundesliga um?

    M. Müller: Ich weiß gerade gar nicht, wovon Sie sprechen!

    P. Müller: Ich verstehe die Frage überhaupt nicht!

    M. Müller: Im Ernst: In der Strafzeiten-Statistik ist Philipp Elfter. Zehn liegen also noch vor ihm!

    P. Müller: Ich erinnere mich an das Spiel beim Bergischen HC, als schon nach fünf Minuten im Chor gebrüllt wurde: „Müller raus!“ Dabei liegt an der Spitze der Strafzeiten-Statistik Maximilian Weiß vom BHC! Vielleicht hat die Wahrnehmung damit zu tun, dass wir zu zweit auftreten. Manche Leute sind richtig überrascht, wenn sie feststellen, dass man sich mit uns ganz normal unterhalten kann. Wenn es nach dem Spiel aber so weiter geht, dann verstehe ich nicht alles, was in der Erziehung solcher Typen gelaufen ist.

    M. Müller: Jetzt verrate ich mal was: Fünf Minuten vor dem Ende des Spiels beim BHC – bei Unentschieden oder so – brüllt die ganze Halle wieder mal: „Müller raus!“ Da sagt einer der Schiedsrichter – übrigens die besten, die es in Deutschland gibt – zu unserem Trainer Michael Roth: „Es wäre wohl besser, die Müllers auszuwechseln. Die Stimmung ist zu hitzig!“

    P. Müller: Dafür gibt es drei Zeugen auf der Bank.

    Und? Hat Sie der Trainer tatsächlich ausgewechselt?

    Müller/Müller: Natürlich nicht!

    Ein künstlich aufgebautes Image ist eine Sache. Aber Philipp, wie war das mit ihrem Foul an Dominik Klein vom THW Kiel, als auf Grund der Fernsehbilder anschließend sogar über eine nachträgliche Sperre diskutiert wurde?

    P. Müller: Das ist schon blöd gelaufen. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen. Und die Aktionen, die vorher anders herum gelaufen sind, hat eben keiner gesehen. Das ist natürlich alles keine Entschuldigung, aber es gab in dieser Saison auch ein übles Foul von Uwe Gensheimer am Kieler Rene Toft Hansen. Das wurde genau zwei Minuten lang diskutiert und dann totgeschwiegen – weil es um den Uwe ging, everybodies darling!

    Mit Dominik Klein trafen Sie auch noch einen guten Freund. Wirkt da so eine Aktion noch nach?

    P. Müller: Das ist längst alles wieder gut. Wir haben eigentlich überhaupt mit niemandem in der Bundesliga ein großes Problem.

    Das Gespräch führte Eberhard Spaeth

    Nordbayerischer Kurier vom Samstag, 11. Juli 2015, Seite 40