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  • Handball-WM: Aktive in der Region zwischen Skepsis und Zuversicht

    15.01.2015

    "Ich will nicht nur das Land anschauen"

    Michael Müller vor dem WM-Start: "Dem Team helfen, egal in welcher Weise" / Aktive in der Region zwischen Skepsis und Zuversicht

    Zum dritten Mal in seiner Laufbahn ist Michael Müller dabei, wenn die Nationalmannschaft ein großes Turnier bestreitet. Aber damit will sich der Bayreuther vom Bundesligisten MT Melsungen vor dem Start in die Weltmeisterschaft gegen Polen (morgen, 17 Uhr, MEZ) nicht zufrieden geben. "Ich bin nicht nur hier, um das Land anzuschauen", sagt der 30-Jährige in Anspielung auf den exotischen Austragungsort in Katar.

    Wie berichtet, steht Müller innerhalb der DHB-Auswahl im Wettstreit mit Jens Schöngarth (TuS N-Lübbecke) um die Rolle als Alternative im rechten Rückraum für den unangefochtenen Steffen Weinhold (THW Kiel). Während der Bayreuther in der Vorbereitung hauptsächlich als Abwehrspezialist eingesetzt wurde, empfahl sich der 2,03 m lange Schöngarth mit seiner Wurfkraft als völlig anderer Spielertyp. Ob Bundestrainer Dagur Sigurdsson an beiden Varianten festhält, wenn er aus seinem 18-köpfigen Kader ein Aufgebot von maximal 16 Spielern nominieren muss, gilt als offen. „Ich möchte dem Team helfen, egal auf welche Weise“, sagt Müller. "Wenn der Trainer meint, ich könnte das am besten in der Abwehr, dann werde ich auch so mein Bestes geben."

    Neu ist für den Bayreuther in jedem Fall die Rolle als Routinier im Vergleich zur starken WM 2009 in Kroatien (Platz fünf) und schwachen EM 2010 in Österreich (Platz zehn). Unter den Feldspielern ist nur der nachnominierte Michael Kraus (FA Göppingen) noch ein Jahr älter. Der Umgang sei da schon spürbar anders: "Die jungen Leute reden eher wenig beim Essen. Wenn Silvio Heinevetter oder Mimi Kraus reden, herrscht Ruhe." Müller ist das manchmal sogar fast "zu brav". Zwar sei es bei seinem ersten Länderspiel im Frühjahr 2008 nicht anders gewesen, aber damals war die DHB-Auswahl noch von den Weltmeistern von 2007 geprägt: "Diesmal sind weniger Stars dabei, die so viel Respekt einflößen müssen."

    Spielerisch gefällt dem „Routinier“ die Mischung aber doch so gut, dass er ihr etwas zutraut: "Ich war schon positiv überrascht, wie wir in der Vorbereitung gespielt haben. Wenn wir eine gute Abwehr stellen und in einen Lauf kommen, ist einiges machbar."

    Und wie sehen das die Experten in der Region? An Trainer und Kapitän der führenden Handball-Mannschaften stellten wir drei Fragen:


    Die Fragen

    1. Was kann die deutsche Mannschaft bei der WM erreichen?

    2. Wie wichtig ist das Abschneiden der DHB-Auswahl für die eigene Vereinsarbeit (bezüglich der Wirkung auf Zuschauer, Sponsoren und Nachwuchs)?

    3. Welche Rolle trauen Sie Michael Müller zu?


    Die Antworten fielen recht unterschiedlich aus mit einiger Bandbreite zwischen Skepsis und Zuversicht:


    HASPO-DAMEN

    Thomas Hankel (Trainer)

    1. Wenn die Deutschen gegen Polen gut starten, traue ich ihnen den zweiten Platz in der Gruppe hinter Dänemark zu. Danach warten bis zum Halbfinale bei guter Tagesform lösbare Aufgaben. Wichtig wird es sein, vor allem über die Defensive zu Selbstbewusstsein zu kommen und sich ins Turnier "hineinzufighten", denn spielerisch und auf Dauer auch konditionell wird man an Grenzen stoßen.

    2. Erfolg wäre vor allem wichtig, weil die WM mangels Free-TV-Präsenz zunächst mal unter Ausschluss der nicht handballinteressierten Öffentlichkeit stattfinden wird. Mit guten Leistungen würde man vielleicht im Turnierverlauf wieder ein breiteres Publikum erreichen. Dann könnte es sich auszahlen, dass das Team endlich wieder mehr "Typen" enthält, die sich als Imageträger vor allem für die Jugendarbeit nutzen ließen. Aus Bayreuther Sicht wäre da ein guter WM-Auftritt von Michael Müller natürlich Gold wert.

    3. Seine Nominierung steht für mich sinnbildlich dafür, dass Bundestrainer Sigurdsson tatsächlich bereit ist zu einem echten Neuaufbau mit den Spielern, die aktuell in der Bundesliga die stärksten Leistungen zeigen – unabhängig von Alter oder Vorgeschichte. Bei Michi wird die persönliche Leistung davon abhängen, inwieweit er in ein taktisches Konzept "gepresst" wird oder den Raum erhält, seine individuellen Stärken auszuspielen. Speziell über seine Defensivleistung hat er aber definitiv das Potenzial ein wichtiger Faktor im Turnier zu werden.

    Sonja Körber (Spielführerin)

    1. Unsere Mannschaft schafft es vielleicht gerade so eine Runde weiter. Wir haben schon eine starke Gruppe erwischt, da darf man sich keinen Fehler erlauben. Man muss die wichtigen Spiele gegen "schwächere" Mannschaften unbedingt gewinnen, um dabei zu bleiben. Danach ist aber Schluss.

    2. Es ist sehr wichtig, wie die Mannschaft abschneidet. Man hat ja 2007 schon gesehen hat, was Erfolg in der Sportart bewirkt. Leider kann man die Spiele ja nur auf Sky verfolgen, was zur Bekanntheit des Sports nicht wirklich beiträgt. Nur wenn eine Sportart populär ist, können ihre Vereine wachsen. Natürlich liegt es auch am eigenen Ruf eines Vereins, ob Zuschauer und Sponsoren interessiert sind, oder neuer Nachwuchs dazu stößt. Aber es geht eben doch viel über die Medien.

    3. Ich freue mich für Michi, dass er nominiert wurde. Er wird zwar die Nummer zwei auf seiner Position sein, da ich Steffen Weinhold stärker finde, aber er wird zu regelmäßigen Einsatzzeiten kommen. Ich würde mir wünschen, dass er seine Emotionen im Griff hat.


    SV 08 AUERBACH

    Tobias Wannenmacher (Trainer)

    1. Das Viertelfinale ist drin, sofern es gelingt, in der Vorrundengruppe Platz zwei zu belegen. Damit würde man im Achtelfinale Frankreich und Schweden aus dem Weg gehen, die meiner Meinung nach derzeit für uns zu stark sind. Dafür sind Siege gegen Russland und Polen Pflicht. Gegen diese Mannschaften werden wir über unser spielerisches Potenzial zum Erfolg kommen müssen, da gerade Polen individuell mehr zu bieten hat.

    2. Aufgrund der nicht vorhandenen Übertragung im Free-TV ist es schon sehr fraglich, ob überhaupt eine spürbare Euphorie entstehen könnte. Um nachhaltige Entwicklungen erwarten zu können, müsste es wohl schon ins Halbfinale gehen.

    3. Aufgrund seiner mittlerweile erworben Erfahrung sollte er dem ansonsten doch sehr jungen Team auf jeden Fall helfen können. Zudem bringt er eine gewisse Grundaggressivität mit, die gerade gegen Polen und Russland gefragt sein wird. Steffen Weinhold braucht einen gestandenen Backup, im Angriff ebenso wie in der Defensive.

    Matthias Schnödt (Kapitän)

    1. Die Gruppenphase sollte das DHB-Team auf jeden Fall überstehen. Eventuell kann man sich hinter Dänemark sogar um Platz zwei in der Gruppe streiten – dazu müsste aber ein optimaler Auftakt gegen Polen gelingen. In den K.-o.-Spielen ist vieles möglich, aber das Viertelfinale wird wohl das Optimum sein, da Nationen wie Dänemark, Spanien oder Frankreich individuell stärker sind. Aber Dagur Sigurdsson ist ein Taktiker und hat auch bei den Füchsen Berlin bewiesen, dass er junge Spieler wie Paul Drux entwickeln und ein Team formen kann.

    2. Eine erfolgreiche Nationalmannschaft ist immer das wichtigste Zugpferd für die Vereinsarbeit. Durch eine erfolgreiche WM steigt das mediale Interesse, Kinder und Jugendliche bekommen Vorbilder und wollen in deren Fußstapfen treten. Auswirkungen auf Zuschauerzuspruch oder die Sponsorenstruktur bei unserem Verein sehe ich eher weniger.

    3. Hinter Steffen Weinhold sehe ich Michael Müller als zweiten Spieler im rechten Rückraum. Ich traue ihm zu, die Abwehr zu stabilisieren und im Angriff durch sein starkes 1:1-Verhalten Lücken zu reißen, vor allem für Groetzki und für Wiencek.


    HASPO-MÄNNER

    Mathias Bracher (Trainer)

    1. Deutschland hat Außenseiterchancen – aber auch als Außenseiter ist viel möglich. Wichtig wird sein, wie wir durch die recht schwere Vorrundengruppe kommen. Ist Euphorie in der Mannschaft entstanden, dann ist das Viertelfinale auf jeden Fall erreichbar. Auch wenn wir das Turnier geschenkt bekommen haben, sind wir trotzdem eine Handballnation mit dem Anspruch, vorne dabei zu sein. Dafür wird es entscheidend sein, dass die Abwehr mit den guten Torhütern steht, um über unsere hervorragenden Außenspieler zum Erfolg zu kommen. Gensheimer wie Groetzki müssen da keinen Vergleich weltweit scheuen.

    2. Eine erfolgreiche Nationalmannschaft ist immer der Motor einer Sportart. In dieser Hinsicht wäre es sicher sehr hilfreich, wenn die deutschen Spieler zeigen könnten, dass die große Qualität der Bundesliga nicht nur durch die Ausländer erreicht wurde.

    3. Das ist eine ganz schwere Frage. Er ist ein robuster Abwehrspieler, der sein Selbstvertrauen durch gute Abwehraktionen suchen wird. Ich habe Steffen Weinhold in der A-Jugend trainieren dürfen. Er ist ein unfassbar dynamischer Spieler, der mittlerweile auch über große Erfahrung verfügt. Daher ist Michael für mich die Nummer zwei auf seiner Position. Ich denke aber auch, dass sich beide sehr gut ergänzen werden.

    Michael Neumaier (Kapitän)

    1. Ich bin selbst sehr gespannt. Im Tor und auf den Außenpositionen sind wir stark besetzt. Viel wird aber davon abhängen, wie der Rückraum ins Turnier findet. Mit Paul Drux haben wir einen extrem jungen Spieler auf halblinks, der schon viel Verantwortung übernehmen muss. Ohne klassischen Werfer müssen wir viel über Tempo und Laufspiel arbeiten. Wenn wir das schaffen und zudem noch eine solide und aggressive Abwehr stellen können, traue ich der Mannschaft schon das Viertelfinale zu. Positiv stimmen mich die Testspielergebnisse und der für mich insgesamt verbesserte Handball seit dem Trainerwechsel.

    2. Was ein Erfolg der Nationalmannschaft bewegen kann, hat man nach dem Titel 2007 gesehen. Es war ein klarer Zuwachs in den Mitgliederzahlen zu verzeichnen, und der Handball ist stark in den Fokus gerückt. Leider hat die Nationalmannschaft diesen Bonus in den letzten Jahren wieder verspielt. Zudem ist die Beschränkung der TV-Bilder extrem schlecht für die Aufmerksamkeit in Deutschland. Wenn das künftig wieder verbessert wird, können wir auch in der eigenen Vereinsarbeit auf positive Veränderung hoffen.

    3. Ich denke, für Michael ist es schon ein Erfolg, wieder in die Mannschaft berufen worden zu sein. Ich freue mich sehr, dass ein Haspo-Eigengewächs wieder das Nationaltrikot trägt. Ich sehe ihn allerdings eher als Ergänzungsspieler hinter Steffen Weinhold. Profitieren kann die Mannschaft auf jeden Fall von seiner Athletik und Aggressivität, hier kann sich noch mancher eine Scheibe abschneiden.


    HASPO-JUGEND

    Marc Brückner (Trainer)

    1. Die Deutschen kommen sicher ins Achtelfinale. Gegen Polen und Dänemark fehlt uns aber sicher die Qualität und Reife, um 60 Minuten auf Augenhöhe mitzuspielen. Die Mannschaft wird motiviert sein, weil sie die WM ja „nur geschenkt“ bekommen hat und allen zeigen will, dass sie zurecht dabei ist. Zudem erwarte ich von Dagur Sigurdsson deutlich mehr clevere Impulse von der Bank, als in den letzten Jahren. Alles über das Achtelfinale hinaus wird ein Glücksspiel, weil in keinem Fall ein leichter Gegner wartet.

    2. Ich glaube, dass das Zuschauerinteresse in Bayreuth von der WM völlig unabhängig ist. Wer jetzt schon zuschaut, kommt bei jedem Abschneiden der Nationalmannschaft wieder. Und wer nicht zuschaut, kann wegen der TV-Situation keine emotionale Stimmung auffangen, die ihn dann vielleicht zu uns treibt. Einen positiven Effekt könnte aber ein gutes Abschneiden auf die Jugend haben, die diese Ziele auch erreichen möchte.

    3. Ich traue Michael Müller viel zu und hoffe, der Bundestrainer tut das auch. In der letzten Bundesligasaison war er der beste deutsche Feldtorschütze im rechten Rückraum. Zudem sind seine Qualitäten als Vorbereiter nicht zu unterschätzen. Wohl nicht zufällig wurden die Rechtsaußen, mit denen er in Wetzlar und Melsungen zusammen gespielt hat, in diesen Jahren in die Nationalmannschaft berufen. Michael hat schon in Wetzlar zur besten Saison des Vereins wesentlich beigetragen und das nun zusammen mit Zwillingsbruder Philipp bei der MT Melsungen noch getoppt. Leider haben beide ein „Kampfschweinimage“, das ihnen immer mehr negativ ausgelegt wird. Dies führt zu einem Bild in der Öffentlichkeit, das keinem der beiden gerecht wird.

    Yannik Meyer-Siebert (Kapitän)

    1. In der Gruppe sehe ich die Deutschen mindestens auf Platz drei. Zwar glaube ich nicht, dass Dänemark zu schlagen ist, aber mit Polen sind wir auf Augenhöhe. Im Achtelfinale hoffe ich, dass wir den Franzosen aus dem Weg gehen. Alle anderen Gegner sollten an einem guten Tag schlagbar sein. Im Viertelfinale ist dann aber wohl Schluss, wenn wir auf einen der Favoriten Spanien oder Kroatien treffen. Unsere Stärken sind die Torhüter und eine Flügelzange auf Weltklasseniveau. Im Positionsangriff fehlt jemand für leichte Tore aus dem Rückraum.

    2. Nach der gewonnenen Heim-WM 2007 konnte man bei vielen Vereinen einen Zuwachs an Jugendspielern beobachten. Für große Auswirkungen auf Sponsoren- und Zuschauerzuspruch ist unser Verein wohl zu klein. Der Handball insgesamt kann aber profitieren, weil nach einer erfolgreichen WM vielleicht auch die Fernsehpräsenz wieder zunimmt.

    3. Er kann vor allem in der Abwehr helfen, denn er spielt sehr körperbetont und bringt die nötige Härte mit, um auch gegen Leute wie Dänemarks Mikkel Hansen zu bestehen. Außerdem kann er im Angriff Steffen Weinhold entlasten und mit seiner Durchschlagskraft die eine oder andere Zeitstrafe herausholen. Auch die Nebenleute können profitieren, denn er arbeitet viel für Kreisläufer und Außen.

    Von Eberhard Spaeth und Steffen Berghammer
    Nordbayerischer Kurier vom Donnerstag, 15. Januar 2015